Unterbrechung – Warum es unhöflich ist, unterbrochen zu werden

Unterbrechung - unterbrochen werden

Warum fallen wir einander gegenseitig ins Wort, wenn es eigentlich jeden von uns nervt? Weshalb ist die Unterbrechung eines Redeflusses Gang und Gäbe, obwohl die Gepflogenheiten der Kommunikation im Deutschen dagegensprechen? Eine kommunikative Unterbrechung kann gesprächsstrategisch sinnvoll sein, höflich ist sie keineswegs.

Gehen wir detaillierter auf dieses Verhalten ein.

Warum fallen Menschen einander ins Wort?

Egal, ob in der Gruppe, zwischen Partnern oder Geschäftsleuten: Es lassen sich bestimmte Motive dafür ausfindig machen, warum wir oder andere überhaupt den Drang verspüren, jemandem ins Wort zu fallen:

  • Spaß: Ich will „mitspielen“, mich an kreativen Prozessen beteiligen oder einen zur Situation passenden Witz erzählen.
  • Gefühle: Ich möchte auf mich und meine Position aufmerksam machen und anerkannt werden.
  • Selbstwertgefühl: Habe ich ein sehr großes Selbstwertgefühl, empfinde ich meine Redebeiträge als so wichtig und konstruktiv, dass sie jeder sofort hören muss.
  • Beziehungsgestaltung: Ich will mich in einer Gruppe oder Beziehung positionieren und eine überlegenere Position deutlich machen oder einnehmen.
  • Verstand: Ich will einen konstruktiven Beitrag leisten, der an das zuletzt Gesagte anschließt.
  • Gefahr abwenden: Weil mein Gesprächspartner im Begriff ist, sich selbst, anderen oder gar mir durch einen Redebeitrag „Schaden“ zuzufügen, muss ich sofort intervenieren.
  • Nähe: Ich bin mit meinem Partner so vertraut, dass ich schon vorher weiß, was er erzählen möchte und beende seine Sätze z. B., weil ich ihm Zeit sparen oder Spaß machen möchte.

Diese Motive können dem Unterbrecher bewusst sein, müssen sie aber nicht. Ferner können sie nobel oder witzig gemeint sein, in einer bestimmten Situation aber vollkommen anders beim Gegenüber ankommen. Das liegt daran, dass es bestimmte Regeln dafür gibt, wann in einem Gespräch der Sprecher wechselt und wann es noch nicht an der Zeit ist, selbst das Wort zu ergreifen.

Welche unausgesprochenen Regeln gelten für einen Sprecherwechsel?

Ein Sprecherwechsel ist dank bestimmter Regeln gut organisiert. Beide Seiten haben ihnen, bewusst oder unbewusst, zugestimmt. Bei einem einvernehmlichen Sprecherwechsel wird niemandem ins Wort gefallen. Die Regeln hängen von vielen Dingen ab. Der Vollständigkeit halber hier ein paar Beispiele:

  • die Situation, in der das Gespräch stattfindet (Vorstellungsgespräch, mündliche Prüfung, Unterhaltung am Abendbrottisch),
  • das Gegenüber senkt Stimme und Tonlage und deutet das Ende eines Satzes bzw. Gedankenganges an,
  • es wird eine Frage an das Gegenüber gestellt und auf eine Antwort gewartet.

Das erscheint erstmal ganz simpel: Würden wir uns alle an die Regeln halten und Rebellen sanktionieren, wären wir das Problem des Unterbrochen-Werdens los. So leicht ist es aber nicht.

Welche Gründe gibt es für den nicht-einvernehmlichen Sprecherwechsel?

Trotz einfacher Regeln gibt es Menschen, die einem dauernd ins Wort fallen oder nach einem eindeutig beendeten Satz noch eine kleine Ewigkeit warten, bevor sie antworten. Das ist belastend, hat aber auch seine Gründe.

Beim nicht-einvernehmlichen Sprecherwechsel schneidet uns der Gesprächspartner z. B. das Wort ab und vollendet einen Satz, weil er glaubt, er wisse bereits, was wir hätten sagen wollen. Neben diesem gibt es noch viele andere Gründe dafür, weshalb uns jemand in unserem Sprechfluss dazwischenfunkt:

  • Ungeduld oder Übereifer: „Das hätte auch ein einvernehmlicher Sprecherwechsel werden können, aber leider war ich zu ungeduldig“.
  • Vorwissen: „Ich will vorwegnehmen, was mein Gesprächspartner sagen wollte, denn eigentlich weiß ich es schon“.
  • Besserwissen: „Den Quatsch, den mein Gegenüber redet, will ich mir nicht länger anhören, denn ich weiß es besser“.
  • Machtanspruch: Das Rederecht zu erteilen oder zu entziehen verleiht Macht. Wer das ungestraft tun und lassen kann, wird der Mächtigste der Gruppe.

Es wird sofort klar: egozentrische Motive oder Unbedachtheit überwiegen. Seltener sind partnerschaftliche Motive der Grund für einen nicht-einvernehmlichen Sprecherwechsel. Auch mit der Intention, dem anderen Zeit und Spucke ersparen zu wollen, weil man möglicherweise tatsächlich schon weiß, was er sagen wird, stellt man sich und seinen Redebeitrag über den des anderen. So verschiebt sich die Gewichtung der Wichtigkeit der Redebeiträge und einer der Gesprächspartner erscheint „wichtiger“.

Das ist unhöflich, denn der Mensch als soziales Wesen braucht unbedingt die Möglichkeit, seine Gedanken verbalisieren und mitteilen zu können. Ohne dem wäre Sozialität gar nicht möglich. Werden wir dabei unterbrochen, empfinden wir uns und unseren Redebeitrag automatisch als weniger wertvoll.

Was hat das alles mit Macht zu tun?

Es muss überhaupt erstmal denk- und sagbar werden, dass man seinem Gesprächspartner einfach so mir nichts, dir nichts ins Wort fallen kann. Solche Dinge hinterlegen wir Menschen im Konsens, der über alle möglichen Dinge  herrscht und regelt, welches Verhalten ok ist und welches nicht.

Der französische Soziologe Michel Foucault hat das „Diskurs“ genannt. Schon im letzten Jahrhundert hat er den Zusammenhang zwischen Macht und Wissen betont. Warum ist das heute wichtig für uns und unser Thema? Dafür müssen wir zwei Dinge verstehen:

  • Wissen generiert Macht. Unterbricht mich mein Gesprächspartner, bestenfalls mehrmals, weiß ich, er wird es wieder tun. Er stellt sein Redebedürfnis und seine Ansprüche über meine, also stellt er sich über mich und demonstriert damit Macht. Die wird auch von anderen Gruppenmitgliedern und Außenstehenden wahrgenommen.
  • Macht generiert Wissen. Die anderen wissen, dass mein Gesprächspartner mich und ggf. andere ausbremst und von seinem „Redevorrecht“ Gebrauch macht. Die anderen und ich werden automatisch resignieren, wenn er das Wort ergreift, auch wenn unsere Gedanken noch nicht abgeschlossen waren.

Dieser Teufelskreis ist Gift für eine gesunde Kommunikation. Wer aber weiß, wie er funktioniert, der kann auch ganz leicht daraus ausbrechen.

Was kann ich gegen eine kommunikative Unterbrechung unternehmen?

Die wichtigste Frage, die wir uns stellen sollten, sobald uns jemand unterbricht, lautet: „Warum werden wir überhaupt unterbrochen?“ – Dafür gibt es viele Gründe. Haben wir das „Wissen“, weshalb das passiert, bekommen wir auch die „Macht“, etwas dagegen zu tun.

Viele Gesprächspartner reagieren allergisch darauf, wenn jemand nuschelt oder lange Schachtelsätze baut, ohne je zum Punkt zu kommen. Zu leises Sprechen kann eifrige Gesprächspartner dazu verführen, den Gegenüber einfach zu übertönen.

Um herauszufinden, warum wir unterbrochen werden, ist es geschickt, die Unterbrechung zuzulassen und darauf einzugehen. Damit dabei das Gespräch jedoch nicht abgewürgt wird, sind Formulierungen wie „Ich bin sofort fertig“, der beste Weg. „Bitte unterbrechen Sie mich nicht!“, kann im ungünstigsten Fall zum Gesprächskiller werden (der andere sagt dann lieber vorsorglich gar nichts mehr). Dann lieber die Unterbrechung in einem gesonderten Gespräch thematisieren.

Was kann ich an meinem Verhalten ändern?

Die wichtigsten Dinge, die man Unterbrechern entgegenhalten kann, sind die folgenden:

  • Die Unterbrechung wahrnehmen und weiterreden: Ich bleibe im Dialog und verschaffe mir die Zeit, um ausreden zu können. Danach muss ich aber schnell zum Punkt kommen!
  • Sich nicht erschüttern lassen: Es ist wichtig, eine Unterbrechung nicht persönlich zu nehmen. Aber auch wenn in der Unterbrechung eine Kritik mitschwingt, ist Kritik an einem Standpunkt noch lange keine Kritik an der eigenen Person.
  • Konzentriert bleiben: Mit der notwendigen Konzentration auf zentrale Aussagen kann auch nach einer Unterbrechung der Fokus zurück auf das eigentliche Thema gelenkt werden. Außerdem wirke ich sicherer und ernstzunehmender.
  • Gute Vorbereitung und präzise Formulierungen: Eine gute Vorbereitung beugt dem Vergessen wichtiger Punkte und Abschweifungen vom Thema vor. Während einer Diskussion kann ich mir Notizen machen, um einen Gedanken erneut aufzugreifen. So kann keine Angst davor aufkommen, etwas Wichtiges zu vergessen und es werden Kapazitäten für kreatives Nachdenken frei.
  • Körpersprache und Stimme: Ein bodenständiges und glaubwürdiges Verhalten zeichnet sich durch entspannte Körperhaltung und eine ruhige Stimme auf. Wer langsam spricht, kann sich auch nicht so schnell verhaspeln.

Wichtig ist es, ganz genau hinzuhören: Wer unterbricht? Warum könnte er das tun? Bekommen wir das heraus, wird es viel einfacher, die Unterbrechung zu thematisieren.

Es muss nicht immer böser Wille dahinter stecken. Vielleicht hat der Unterbrecher Angst, seinen Gedanken zu vergessen oder er ist einfach ein Vielredner und kann nicht anders. Eventuell handelt es sich aber auch um ein Missverständnis, dass wir aus der Welt schaffen können.